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Der spanische Hausmeister (Portero)

Bevor ich meinen anderen Tagebuch-Blog lösche, möchte ich hier eine kleine Anekdote "rüberrretten". Damals lebte ich im Madrider ...

Bevor ich meinen anderen Tagebuch-Blog lösche, möchte ich hier eine kleine Anekdote "rüberrretten". Damals lebte ich im Madrider Nobel-Viertel Salamanca unter vielen schicken Leuten, wenn auch nur auf 45m2 und mit einem Mitbewohner...

Das ist eine Geschichte über meinen Hausmeister Luis und seine Hausmeisterfamilie. Er mit seiner Familie ist sicher der Prototyp aller "Porteros" hier in Spanien. Eine kurze Erklärung, in Spanien haben grössere und sogar viele kleinere Wohngebäude Porteros, die hauptberuflich dassitzen und überprüfen wer ein- und ausgeht - und wer wohin geht. Bei grösseren Häusern, wie bei mir der Fall, lebt die ganze Portero-Familie (ich sage: Klan) im Erdgeschoss und wenn Luis einmal nicht die Tür "überwachen" kann, dann übernimmt das seine Frau oder sein Sohn oder eine Tochter (nach fünf Jahren fehlt mir immer noch der ganze Überblick, manchmal habe ich Zweifel ob ich gerade die Frau oder Oma vor mir habe...). Als Beispiel der ständigen Präsenz ist, dass Luis' Frau sogar bei Google Streetview verewigt wurde (blaues Oberteil):



Größere Kartenansicht

Ausserdem kümmern er sich darum, die Gänge zu putzen, die Zentralheizung um 12 Uhr mittags anzuschalten (zumindestens bis vor einem halben Jahr, als er noch Kohlen schippen musste), täglich die Mülleimer rauszubringen und bei ihm heulen sich die zahlreichen ältlichen Damen aus (solange sie noch leben, denn ab und zu bringt er ein Schildchen an einen der Aufzüge an, dass der oder die ehrenwerte Bewohner/in verstorben sei und die Beerdigungsfeier am Tag X stattfindet). Und er nimmt Päckchen entgegeben... Und er pflaumt die Leute an, die den Müll zu früh runterbringen oder den falschen Aufzug benutzen, aber dazu später.

Ich bin also in die große anonyme Stadt gezogen, damit ich ich jetzt das Gefühl habe, dass jemand eine Strichliste darüber führt, wann ich das Haus verlasse, wann ich komme, und mit wem, wann den Müll runterbringe... Ob ich arbeite oder nicht...

Unsere "Beziehung" begann am Tag meines Einzugs, als ich vollbepackt ankam und er aus seinem Glaskapuff rauskam, nicht um mir zu helfen, sondern um schroff zu fragen, wo genau ich hinginge. Ich erwiderte genauso schroff (zur Erinnerung, ich war voll beladen): "In meine Wohnung" und ließ ihn stehen. Bei unserem zweiten Treffen war ich dann etwas besser gelaunt und auf seine Frage gab ich ihm willig Stock- und Wohnungsnummer an und er konnte endlich eine neue Karteikarte mit meinem Namen anlegen (korrigiere, meinen Namen kannte er erst, als sein Drängen Erfolg hatte, und ich auf dem Briefkasten meinen  Namen schrieb).

Ich muss gestehen, dass ich auch schon froh war, dass er existiert, wenn z.B. jemand zum irgendetwas ablesen in die Wohnung kommen musste, dann habe ich ihm die Schlüssel gegeben (ein Freund sagte mir dann, jetzt wird er sicher eine Inventur deiner Wohnung machen).

Aber hauptsächlich liebe ich ihn, da er meine Besucher, kaum haben sie das Portal betreten,  darauf aufmerksam macht, dass man mit Koffern den Lastenaufzug benutzen müsse...

Wenn ich einmal den Müll eine Viertel Stunde zu früh runterbringe, weist er mich auf seine liebenswerte Art zurecht - während er ohne jegliche Konsequenzen den Müll eine Viertel Stunde früher als "erlaubt" auf die Straße bringen darf.

Ich habe keine Erklärung, warum ich so viele Gedanken an meinen Portero versch(w)ende, es geht so weit, dass ich bei Rückkehr von der Arbeit die Daumen drücke, dass er nicht dasitzte und ich mich nicht an ihm vorbeischleichen müsse: "Bitte, wenn schon jemand dasitzt, dann wenigstens seine  Frau, die zumindest freundlich grüsst..."

Dann habe ich sogar meine Theorien entwickelt, wann und unter welchen Kriterien er zurückgrüßt. Ich bin immer noch nicht dahinter gekommen. Immer dann, wenn ich mich entschieden habe, nicht zu grüssen, grüsst er, und wenn ich grüsse, dann grüsst er nicht. Aber er erkennt mich doch schon auf der Strasse und dort gönnt er mir dann meistens ein gädiges "Hola".

Es gab eine Zeit, in der ich versuchte, die angemessene Begrüssung und Verabschiedung für ihn zu erraten, doch jedes Mal, wenn ich "Hola" sage, erwidert er "Hasta Luego" (bis später) oder umgekehrt. Oder ich sagte "Hola" und er "Buenos dias" und vice versa. Ich glaube, das macht er aus Absicht. Jedesmal wenn er nicht zurückgrüßt sage ich mir "das war das letzte Mal, dass du ihn grüsst" - keine Ahnung warum ich immer wieder einen Rückfall habe.

Noch zu erwähnen wäre sein Blick, der einem bis auf die Seele reicht und einem ein sofortiges schlechtes Gewissen einflößt. An Tagen, an denen ich frei habe, lese ich in seinen Augen jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeikomme, "Hast du keine Arbeit, haben sie dich entlassen? Du bist also ein weiterer Schmarotzer dieser Gesellschaft?" Meine Neurose geht soweit, dass ich vorzugsweise zwischen 14 und 17 Uhr und ab 22 Uhr das Haus verlasse/betrete, denn dann hat die Portiersfamilie frei. Zugegeben, das ist leicht übertrieben.

Nun muss ich den Armen doch noch in Schutz nehmen, denn anfangs hatte ich einen argentinischen Mitbewohner, dann einen anderen, dann kam mal wieder der  Argentinier zu Besuch und dann kommt noch regelmäpig Besuch aus Deutschland... Ich glaube Luis ist davon überzeugt, dass wir zumindestens ein Bordell wenn nicht was schlimmeres betreiben... Und das im ehrenwerten "Barrio de Salamanca" (wo die konservative Partido Popular die 3/4 Mehrheit hat - ich kann das sagen, da ich schon bei zwei Wahlen als Wahlhelfer fungiert habe)

Also, Luis, an dem Tag, an dem ich mir einen  Porsche leisten kann, verspreche ich dir, ihn direkt vor deinen Augen zu parken - ob das wohl genügt, ein standesgemässer Bewohner zu werden?

Und bis dahin gebe ich mich damit zufrieden der "Guiri" - leicht abwertend gemeintes Wort der Spanier für mittel- oder nordeuropäische Ausländer, die Sandalen mit weissen Socken tragen, des Gebäudes zu sein. Denn ich finde in meinem Briefkasten die Post aller Empfänger, die nicht Manolo, Jose oder Pepa heisen.

Und was habe ich mit diesem Beitrag verraten, dass ich meine Dorfseele wohl nie mehr loswerden werde...

(Veröffentlicht am 07.02.2010)

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